Mit der Kraft des Erzählens seziert er die Schweiz

03.11.2026 — Susanne Wenger

Der Schriftsteller Lukas Bärfuss wuchs in prekären Verhältnissen im Berner Oberland auf. In seinem autobiografischen Buch «Königin der Nacht» erkundet er die Geschichte seiner Mutter, die ihn nie liebte und im Alter aus Armut in die Dominikanische Republik auswanderte.

Er zählt zu den bedeutendsten Autoren der Schweiz: Lukas Bärfuss, 1971 in Thun geboren, ausgebildeter Buchhändler, Literaturpreisträger, Vater, wohnhaft in Zürich. Er schreibt Romane, Theaterstücke, Essays und mischt sich in politische Debatten ein. Über sein Land urteilt er oft hart, sieht Gegensätze zwischen Selbstbild und Realität. Das löste schon Kontroversen aus. Kritiker warfen ihm Polemik und Vereinfachung vor. Sein aktuelles Buch ist über weite Strecken persönlich. Bärfuss erzählt von seiner Mutter – und damit von seinem Aufwachsen in Randständigkeit.

Die bewegende Erzählung beginnt in Santo Domingo, wo seine Mutter ihre letzten 20 Jahre als Auslandschweizerin verbrachte. Nach ihrem Tod fand Bärfuss in ihrer Wohnung einen Bankauszug: Nur 60 Franken blieben ihr am Lebensende. Er fragte sich, warum er ihr nicht geholfen hatte. Doch der Kontakt war seit Jahren abgebrochen. Wie das kam, schildert der Autor im längsten Kapitel, jenem über seine Kindheit in Thun. Dort lebte er allein mit der Mutter, die sich nach der Scheidung vom Vater durchschlug. Dieser sass wegen Vermögensdelikten im Gefängnis.

Mit 15 auf der Strasse

Die Mutter arbeitete tagsüber als Putzfrau und abends in einer Bar – als schöne «Königin der Nacht», umschwärmt von den Honoratioren der Stadt. Die erotische Spannung war ihr einziges Kapital in einem reichen Land, schreibt der Sohn. Als sie es verlor, arbeitete sie in der Munitionsfabrik. Das Geld war knapp, die Wohnung blieb im Winter kalt. Ihren Sohn sah die Mutter als «Betriebsunfall» und Last, sie vernachlässigte ihn schwer. «Sie war keine Mutter», schreibt Bärfuss, «sie war gefährlich.» Eines Tages fand er die Wohnung halbleer vor. Die Mutter war ausgezogen und liess den 15-Jährigen ohne Nachricht zurück.

Mehrere Jahre lebte er ohne festen Wohnsitz, schlief in Parks oder Einkaufspassagen. Er versteckte sich vor den Behörden, weil diese ihn sonst als «asozial» abgestempelt hätten – mit solchen Eltern und der Herkunft der Mutter aus einer Familie von Fahrenden. Er hielt sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser und las Bücher, die ihn träumen liessen und bildeten. Ein Stipendium für die Lehrerausbildung bot ihm eine Chance, doch die Mutter nahm das Geld und wanderte damit in die Dominikanische Republik aus. Ihre Rente hätte in der Schweiz nicht gereicht.

Einmal besuchte er sie in der Schweizer Community in Santo Domingo, suchte nach Antworten. Doch das Treffen scheiterte, sie sahen sich nie wieder. Erst heute nähert er sich der Mutter literarisch. In kraftvoller, teils roher Sprache wechselt er zwischen Wut über die «verräterische Schlampe» und Verständnis für ihre Situation. Das Buch mündet in Sozialkritik und eine typische Bärfuss’sche Abrechnung mit der Schweiz. Für ihn zeigt die Geschichte von Mutter und Sohn, wie zerstörerisch Armut ist. Geldmangel zerbreche Beziehungen, besonders in einem Land, das den Wert eines Menschen am Vermögen messe. Bärfuss rekapituliert, wie ausgrenzend die Schweiz historisch mit den Armen umging – und wie sie freiheitsliebende Frauen disziplinierte. «Königin der Nacht» wurde im deutschsprachigen Raum schnell ein Bestseller.

Vom obdachlosen Jugendlichen zum renommierten Schriftsteller: Bärfuss sieht seinen Weg als glückhaftes Überleben. Das Gefühl, als er mit 15 die verlassene Wohnung betrat, sei ein Schlüssel zu seiner Literatur, sagte er in einem Interview. In der Ambivalenz dieser Situation – frei und zugleich Freiwild zu sein – liege alles. «Insofern hat meine Mutter mich zu einem Schriftsteller gemacht, auch wenn das sicher nicht ihre Absicht war.»

Ein kurzes Porträt für die «Schweizer Revue»

Mit der Kraft des Erzählens seziert er die Schweiz

Abrechnung und Annäherung: Lukas Bärfuss' Buch über seine Mutter ist für den Schweizer Buchpreis 2026 nominiert.

Lebensgeschichten

21.09.2026 — Susanne Wenger

Vor einigen Jahren sass ich im Wohnzimmer einer 83-jährigen Frau im Berner Oberland und hörte ihr zu. Im alten Haus wars warm, doch ihre Geschichte handelte von Kälte, Krieg und Flucht. Als zehnjähriges Kind floh sie im Winter 1944/45 mit Mutter und Geschwistern aus dem ostpreussischen Memelland vor der heranrückenden Front. Der Vater war in Russland gefallen. Zuerst im Pferdefuhrwerk, später in Kohlewaggons der Eisenbahn ging es Richtung Westen – zusammen mit Millionen anderen. Die Angst vor Fliegerbomben war allgegenwärtig. Essen gab es nur, wenn jemand den Flüchtenden unterwegs etwas zusteckte – ein Akt der Menschlichkeit.

Die Frau erzählte lange. Plötzlich holte sie eine rote Bettdecke aus dem Schrank. Ihre Mutter hatte das Duvet auf die Flucht mitgenommen, die Tochter bewahrte es all die Jahre auf. Als junge Frau war sie in die Schweiz eingewandert, um als Haushalthilfe zu arbeiten. Ihre Fluchterfahrung erwähnte sie kaum. Erst im hohen Alter, inzwischen Urgrossmutter, verspürte sie den Wunsch, darüber zu sprechen. Sie bat mich, ihre Geschichte aufzuschreiben. Wir kannten uns gut. Mit ihrem Erzählen verband sie ein Vermächtnis. Sie erinnerte an das Leid der Zivilbevölkerung in Kriegen, warnte vor Diktatoren und ermutigte, sich im Leben immer wieder aufzurichten. Letzten Winter starb sie mit 91 Jahren.

«Unter jedem Grabstein liegt eine Weltgeschichte», schrieb Heinrich Heine um 1820. Dieses Zitat gefällt mir. Es zeigt, dass wir alle Zeitzeuginnen und Zeitzeugen sind – und dass jede Lebensgeschichte von Belang ist. Nicht nur die Lauten und Berühmten haben etwas zu berichten, auch Menschen wie du und ich. Lebensgeschichten sind Quellen von Erfahrung und Wissen. Wer erzählt, wird Autorin oder Autor der eigenen Geschichte. Und manchmal setzt das etwas in Bewegung. Die ehemaligen Verdingkinder haben es bewiesen. Erst ihr mutiges Erzählen zwang die Schweiz ab den 2010er-Jahren, dunkle Kapitel ihrer Sozialgeschichte aufzuarbeiten.

Der australische Sozialwissenschaftler David Denborough nennt es ein Recht: die eigene Geschichte zu erzählen. An Biografisches anzuknüpfen, hilft auch bei Demenz. Musik, Düfte oder Gewohnheiten fördern das Wohlbefinden. Es geht um Betreuung und Fürsorge. Doch mich interessieren Lebensgeschichten von Menschen mit Demenz auch aus der emanzipatorischen Perspektive, die Denborough beschreibt.

Denn das Recht, die eigene Geschichte zu erzählen, besteht weiter – auch wenn Worte und Erinnerungen schwinden. Was ein Mensch erlebt und geschaffen hat, bleibt relevant. Umso wichtiger ist es, diese Geschichten festzuhalten – um sie zu würdigen, sichtbar zu machen und weiterzugeben. Das kann in einer gemeinschaftlichen Runde geschehen, rücksichtsvoll, mit vereinten Kräften des Erzählens und Erinnerns.

In meiner Familie bot eine diamantene Hochzeit Anlass, in zwei Lebensgeschichten einzutauchen. Ein Dokument über eine mehr als 60-jährige Liebesgeschichte entstand. Vielleicht berührte es uns alle auch deshalb so tief, weil eine Demenzerkrankung in den Hintergrund trat und das Leben hervortrat. Allein dies: ein Vermächtnis. Wieder wurde ein aufbewahrter Gegenstand – ein zerknitterter Zettel mit einer handgeschriebenen Telefonnummer von 1961 – zum Symbol für Identität und Kontinuität. So wie die wärmende rote Decke der Erzählerin aus dem Memelland.

Erschienen in: «auguste», Magazin von Alzheimer Schweiz

Lebensgeschichten

Ein aufbewahrtes Zeugnis der Flucht: Die rote Bettdecke wärmte die Kinder, als sie im eiskalten Winter 1944 mit ihrer Mutter aus dem Memelland flohen. (Foto: swe)

Ode an den Alltag

03.05.2026 — Susanne Wenger

An einem Novembermorgen 2024 las ich im ersten Licht des Tages, wer die US-Präsidentschaftswahlen gewonnen hatte. Normalerweise hätte ich weitergescrollt und den Fernseher eingeschaltet, um jede Nachricht aufzusaugen. So bewältige ich Verwirrung: mit maximaler Information. An jenem Morgen aber entschied ich mich anders. Ich schloss die App, legte das Smartphone weg und begann meinen Tag. Er war angenehm unspektakulär. 

Frisch gemahlener Kaffee, während draussen die Dämmerung wich. Übungen für den Rücken. Konzentriertes Arbeiten am Computer. Am Mittag ein Spaziergang an der blassen Sonne. Wie immer brachte mich das Hündchen auf dem Nachbarsbalkon zum Lachen, das sich bellend als Herrscher über unser Quartier aufspielte. Weiterarbeiten, bis die Dunkelheit zurückkehrte. Abendessen. Erst danach verfolgte ich wieder Berichte über die US-Wahlen – interessiert, aber gelassener. 

Routinen gelten als langweilig, immer dasselbe. Doch gerade darin liegt ihr Wert. Sie halfen mir, Distanz zu einem politischen Ereignis aufzubauen – und sie helfen noch viel mehr, wenn Menschen an Demenz erkranken. Dann erhält der Alltag eine Schlüsselrolle. Er bietet Raum und Zeit, um der Ohnmacht etwas entgegenzusetzen. Denn in Alltagsroutinen stecken Chancen, positiv auf die Krankheit einzuwirken, die bisher keine Medizin heilen kann.

Betroffene Familien kennen es: Struktur und Regelmässigkeit machen einen Unterschied. Ein ruhiger Rhythmus gibt Halt, eine vertraute Umgebung Sicherheit. Fachpersonen raten zu Ritualen, weil sie orientierend wirken: der Spaziergang nach dem Mittagessen, das Eincremen der Füsse vor dem Zubettgehen. Alltäglichkeiten, die nach nichts aussehen, können Frieden bringen. Kleine Gesten und Interaktionen im Alltag tragen eine stille Würde in sich. Besonders interessant finde ich, was die Wissenschaft dazu sagt: Sie sieht Zusammenhänge zwischen Alltag und Identität, die in der Demenz zum Tragen kommen.

Sind wir noch wir selbst, wenn Gedächtnis und Erinnerungen schwinden? Der Sozialpsychologe Tom Kitwood meinte, das «Personsein» bleibe bestehen, solange andere es wahrnehmen und stützen. Ein einfaches «Schön, dass du da bist» erneuert in diesem Moment Identität. Der Philosoph Michael Jungert geht noch weiter: Er leitet her, dass Erinnerungen nicht nur im Kopf sitzen, sondern auch im Körper, in Gefühlen, Gewohnheiten. In verinnerlichten Verhaltensweisen, in denen die Persönlichkeit trotz aller Veränderungen erkennbar ist. Dieses «implizite biografische Gedächtnis» bleibt, auch wenn die dazugehörenden Fakten und Erfahrungen kaum mehr bewusst zugänglich sind.

An den tiefen Speicher des Selbst lässt sich im Alltag anknüpfen. Ein Duft, ein Fotoalbum, ein Lied, ein Objekt – sie erzählen von früher und kreieren Stimmungen. Bekannte Handlungen wie Wäsche bügeln, Salat schneiden, Zeitung lesen schaffen Kontinuität und Zugehörigkeit. Beziehungen drücken Verbundenheit aus, auch ohne grosse Worte. Angehörige können in dieser Art Anker setzen, sollten aber natürlich auf die Tagesform des erkrankten Menschen achten. Routinen ja, nur nicht zu starr.

Der Alltag, so unscheinbar und stetig, bewahrt Identität. Behutsam, jeden Tag. Er birgt damit eine mögliche, leise Antwort auf die grundsätzlichste und schwerste Frage, die die Demenz uns stellt: jene nach dem Identitätsverlust. Wenn das keine Ode verdient hat.

Erschienen in: «auguste», Magazin von Alzheimer Schweiz

Ode an den Alltag

Die Forschung sieht Zusammenhänge zwischen Alltäglichkeiten und Identität, die bei einer Demenzerkrankung zum Tragen kommen. (Foto: Wikimedia/W. Bulach)

Der stille Retter aus Bern

06.01.2026 — Susanne Wenger

In den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs versteckte er jüdische Verfolgte in seiner Diplomatenwohnung in Budapest. Ungarische Faschisten folterten ihn, später verschleppten ihn die Russen. Das Leben des Berners Harald Feller wirkt wie ein Filmstoff, doch nur wenige kennen seine Geschichte. Ein neues Buch des Historikers François Wisard, erschienen auf Deutsch und Französisch, will dies ändern. Es beschreibt die Ereignisse sachlich und gestützt auf Quellen.

Feller, ein junger Jurist, arbeitete von 1943 bis 1945 in der Schweizer Gesandtschaft in Budapest. Dort erlebte er die deutsche Besetzung, die Machtübernahme der ungarischen Nazis und den blutigen Kampf um die Stadt, der mit dem Sieg der Roten Armee endete. Er harrte in der Botschaft aus und leitete zuletzt deren Geschäfte. Bekannt ist: Ab 1944 bewahrte die – offiziell neutrale – Gesandtschaft unter Vizekonsul Carl Lutz Zehntausende Jüdinnen und Juden mit Schutzbriefen vor Deportation und Tod.

Feller schloss sich der heldenhaften Aktion an und rettete mindestens 32 Menschen. Er besorgte einigen Ausreise- und Transitpapiere, anderen bot er Schutz in seiner Wohnung. Mit diesen Taten brach er nicht nur Dienstvorschriften, sondern ging ein grosses persönliches Risiko ein. Ende 1944 verhörten und misshandelten ihn die ungarischen Nazis. Im Februar 1945 entführte ihn der sowjetische Geheimdienst – als Faustpfand für Verhandlungen mit der Schweiz. Nach einem Jahr Haft in Moskau kam er im Austausch gegen internierte Russen frei. Bei seiner Rückkehr erfuhr er, dass ein juristisches Verfahren gegen ihn lief.

Die Schweizer Behörden prüften den Vorwurf, er habe mit den Nazis kollaboriert. Die Anschuldigungen erwiesen sich als haltlos, doch Feller wurde nie offiziell rehabilitiert. Anders als Carl Lutz, der bis zu seinem Tod 1975 um Anerkennung kämpfte, zog Feller sich zurück. Er arbeitete als Staatsanwalt in Bern und engagierte sich nach der Pensionierung im Theater. Mitte der 1990er-Jahre meldete sich Eva Koralnik bei ihm. Sie war ein Kind, als Feller ihr, ihrer Mutter und ihrer Schwester die Flucht in die Schweiz ermöglichte. Auf ihr Ersuchen hin ehrte die Holocaustgedenkstätte Yad Vashem 1999 den damals 86-Jährigen als «Gerechten unter den Völkern».

Feller starb 2003. Seine Erfahrungen, so Wisard, sind in der Schweizer Diplomatie einzigartig. Dennoch dachte er nie daran, seine Memoiren zu schreiben. Er sagte, er habe nur seine Pflicht getan.

Buchbesprechung für die «Schweizer Revue»

Der stille Retter aus Bern

Erschienen im Elfundzehn-Verlag, 2025

Erinnerungsvorsorge

05.05.2025 — Susanne Wenger

Kürzlich hörte ich im Vintage-Radio einen Song aus meiner Jugend: «Lady in Black» von Uriah Heep, eine etwas simple, aber eingängige Rockhymne. Schon die ersten Töne versetzten mich in ein Schul-Skilager der späten Siebziger zurück. Sofort war alles wieder da: Das staubige Massenlager im Berner Oberland. Erdbeer-Rhabarber-Konfitüre, grosse Ruchbrot-Laibe und Kakao zum Frühstück. Skitage auf wunderbar viel Schnee, die Gruppen strikt nach Können getrennt. Am letzten Abend Disco, mit «Lady in Black» und anderen Hits. Die Lehrer massen doch tatsächlich mit dem Lineal nach, ob wir Teenies beim geschlossenen Tanzen genügend Abstand hielten. 

Eindrücklich, wie Musik Erinnerungen wecken kann. Oder Emotionen. Oder Erinnerungen und Emotionen. Dies bei uns allen, ganz egal, ob wir musikalisch sind oder nicht. Und es funktioniert nachweislich auch bei einer Demenzerkrankung, bis in fortgeschrittene Stadien. Menschen mit Gedächtnisverlust erinnern sich kaum mehr an ihre Biografie, aber an Musikstücke – und über diese Brücke an Episoden ihres Lebens. Menschen, die ihre Sprache verloren haben, singen plötzlich Liedtexte mit. In sich versunkene Menschen leben durch ein vertrautes Musikstück auf, treten mit Angehörigen und Pflegepersonal in Verbindung. Lächeln, wissen wieder, wer sie waren und wer sie sind, sprechen kohärent – mindestens eine Weile lang.

Ein faszinierendes Phänomen, das Neurowissenschaftlerinnen und -wissenschaftler mit der einzigartigen Wirkung von Musik auf das Gehirn erklären. Sie ist dort breit und stark verankert. Beim Musikhören sind mehrere Bereiche des Hirns beteiligt, vom Gedächtnis über die Emotionen bis zum Bewegungszentrum. Dadurch gibt es mehr Möglichkeiten, die Effekte der Musik zu bewahren. Musik ist ein so kraftvoller Stimulus, dass sie Erinnerungen und Gefühle selbst dann zurückbringen kann, wenn unser Gehirn durch eine Erkrankung wie Demenz beschädigt ist.

Einige Pflegeinstitutionen in der Schweiz setzen personalisierte Playlisten in der Betreuung von Menschen mit Demenz ein, mit sehr guten Resultaten. Das Bestechende ist aber, dass die Musik ihre Superkraft jederzeit und an jedem Ort auf einfache Weise entfalten kann. Seit vor zwei Jahren die Demenz in meine Familie gekommen ist, haben wir das erlebt. Bedeutende Lieblingsstücke, gemeinsam angehört – und ein verwirrender Spitalaufenthalt wurde einen Nachmittag lang leicht. Herzhaft und vielstimmig gesungene Lieder während einer Autofahrt nach Italien an den gewohnten Ferienort – und die Erkrankung war weit weg.

Dass unsere Kognition, unsere Vergangenheit, unser Selbst wie ein Schatz in einem vertrauten Musikstück eingebettet sind und hervorgeholt werden können: Ich finde diesen Gedanken tröstlich. Mit der Musik, die uns durchs Leben begleitet, betreiben wir automatisch Erinnerungsvorsorge. Wir alle sollten aber auch früh genug mindestens fünf Musikstücke unseres Lebens notieren, riet mir einmal ein pensionierter Musiktherapeut, den ich als Journalistin porträtierte. Falls wir an Demenz erkrankten, könnten Angehörige die Liste zücken, meinte er. Ich bin dem Rat gefolgt, meine top Zwanzig sind in Arbeit. Der Skilager-Knüller «Lady in Black» ist nicht dabei. Dafür «Tant de belles Choses» von Françoise Hardy. Und was kommt auf Ihre Liste, liebe Leserin, lieber Leser?

Carte Blanche, Kolumne in «auguste», Magazin von Alzheimer Schweiz

Erinnerungsvorsorge

Kraftvoller Stimulus: Musik holt unsere Vergangenheit hervor. (Foto: Wikimedia Commons)